Rückzüchtung des Deutschen Weideschweins

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Rückzüchtung des Deutschen Weideschweins

Beitrag#1von armin » Donnerstag 16. August 2007, 20:58

Hallo zusammen!

Das Deutsche Weideschwein ist ja ca. 1975 ausgestorben, nachdem zuvor die Zucht geschlossen wurde. Wegen seiner guten Eigenschaften in der Freilandhaltung und seiner Bedeutung als kulturhistorisches landwirtschaftliches Erbe wurden Bemühungen zu einer Rückzüchtung unternommen. Ich meine damit die Rückzüchtung des Theinischen Freilichtmuseums in Kommern und nicht die mittelalterliche Form, die im Museumsdorf Düppel bei Berlin gezüchtet wurde.

Wenn ich mich nicht irre, hatte die GEH das Deutsche Weideschwein sogar eine Zeit lang afu der Roten Liste. Heute wird es dort nicht mehr geführt und in den Online-Broschüren gibt es nur noch diese Seite.

In solchen Rückzüchtungen ist von dem ursprünglichen genetischen Material der verschwundenen Rasse ja nur noch ein kleiner Teil enthalten. Muss man solche Tiere unter dem Gesichtspunkt der Agrobiodiversität nicht trotzdem als Bereicherung verstehen? Ich frage mich, ob die Züchtung solcher Tiere nicht zumindest teilweise auch sinnvoll ist und ob es noch mehr Beispiele dieser Art gibt. Das Heck-Rind könnte z. B. eines sein, obwohl es ja eigentlich die Rückzüchtung einer Wildform darstellen soll.

Wie wird das hier gesehen?



Bin gespannt, ob sich daraus jetzt mal eine kontroverse Diskussion entwickelt... Bild

Viele Grüßße
Armin
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Beitrag#2von Herwig » Samstag 18. August 2007, 09:52

Ich sehe das im Prinzip etwas anders, aber auch einfacher:

Ich setze mich für alte Nutztierrassen und deren alte Genetik ein, was nicht ausschließt das ich viele andere Neuzüchtungen nicht auch für gut und sinnvoll halte und letzlich tragen diese Neuzüchtungen auch zur Biodiversität bei. Jedoch halte ich den Ausdruck Rückzüchtung für irreführend, denn all die Ausgangsrassen der ausgestobenen Rasse gibt es nicht mehr, die gesamte Entwicklung ist nicht nachvollziehbar, alle Selektionsverfahren unbekannt.
Die sogenannten Rückzüchtungen sind nichts anderes als Neuzüchtungen mit anderen Prioritäten. Man züchtet nicht auf Leistung sondern versucht sich alten Vorbildern anzunähern, meistens nur optisch.
Gegen sogenannte Rückzüchtungen habe ich somit nichts, für fatal halte ich es allerdings, diese Rückzüchtungen als alte Nutztierrassen anzupreisen, denn das sind sie definitiv nicht! Sie entstehen aus den zur Zeit lebenden Rassen als Kreuzung, genau wie die Hybriden, nur mit anderem Zuchtziel.
Niemand würde auf die Idee kommen eine neu nachgebaute Kirche im mittelalterlichen Stil, als original aus dem 16ten Jahrhundert auszugeben.
Das Deutsche Weideschwein ist leider ausgestorben, es lebe das neue Weideschwein von 1999.
Anders kann ich das nicht sehen.
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Beitrag#3von Rouven » Sonntag 26. August 2007, 16:38

Hallo Herwig,
ist es nicht das Gleiche wie bei dem rotbunten Husumer? Meiner Kenntnis nach Entstand die heutige Population doch auch aus einer Gruppe, die auf der Grünen Woche in Berlin 1984 auftauchte. Sie sollen aber kleine schwarze Flecken gehabt haben, was doch eigentlich auf Mischerbigkeit hinweisst.
Ist dann doch eigentlich auch keine alte Nutztierrasse mehr in deinem Sinne, oder wie siehst du dass?

Gruss Rouven
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Beitrag#4von Herwig » Sonntag 26. August 2007, 21:28

Hallo Rouven,

ne, ich glaube so ganz das gleiche ist es nicht.
In den Husumern sind immer noch ein paar echte Gene vorhanden, das heisst, es gab schon das eine oder andere Tier, dass so ziemlich ein Husumer war. Dennoch ist natürlich richtig, dass es in dem Sinne keine "echten" reinrassigen Husumer mehr gab.
Nun soll, so habe ich aus Insiderkreisen gehört, das Husumer Schwein von der roten Liste gestrichen werden. Wie fatal ich das finden soll ist mir noch nicht so ganz klar, dazu habe ich mich mit der Rasse zu wenig beschäftigt. Was mir allerdings klar ist, ist mein erster Eindruck und der besagt folgendes:

Es geht nicht an, dass eine Rasse jahrelang auf der roten Liste, als gefährdete alte Nutztierrasse geführt und anerkannt wird und dann plötzlich all diese Aussagen und Maßnahmen nicht mehr richtig sind. Verbrauchern, Züchtern und Interessierten ist eine Information gegeben worden die jetzt, mit der Streichung, quasi ad adsurdum geführt wird.
Somit werden dann, wenn alles schief läuft, die letzten noch existierenden Gene nicht erhalten.

Nicht nachgewiesen ist außerdem in meinen Augen, das mit der Schließung des Herdbuches 1968 auch alle Tiere verschwunden waren. Einige Tiere werden die 16 Jahre bis zu erneuten Öffnung des Herdbuches als Nachzuchten überlebt haben. Wenn auch mit Einkreuzung.
Rein rechnerisch gar kein Problem:
1968 wurde die letzte Sau mit Ferkeln vorgestellt. Es gabe also auch noch Eber!!
Die Sau hatte schleißlich auch Sauferkel, die vermutlich auch geferkelt haben, die waren in den 70gern erst zuchtreif etc.
Die Rasse war meiner Ansicht nach niemals ganz verschwunden! Nur weil kein Herdbuch mehr geführt wurde heißt es ja nicht, das keine Tiere mehr gezogen wurden.
Mit dem Bentheimer war es nicht sooo viel anders. Ein Herdbuch gab es auch lange Zeit nicht, allerdings eine nachweislich weitere reine Zucht eines einzelnen Züchters.
Von daher schätze ich die Zucht der Rotbunten anders ein als die des Weideschweines.
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Beitrag#5von Rouven » Sonntag 26. August 2007, 21:59

Hallo Herwig,
ich habe mich mit dem Weideschwein auch nicht so beschäftigt. Und meine Aussage mit den Husumern sollte auch nur ein Gedankenanstoss an deine vorige Aussage sein.
Wenn es bei den Husumern rein rechnerisch möglich ist, dass es noch reine Tiere gab, gab es die nicht auch bei den Weideschweinen?
Wenn ich mir das Bild auf der GEH-seite anseh, verdammte Ähnlichkeit mit den Anglern ;-)

in diesem Sinne
Gruss Rouven
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Beitrag#6von Herwig » Montag 27. August 2007, 08:04

Moin Rouven,

mit den Weideschweinen ist das in sofern wohl nicht möglich, weil ja bis heute keine dieser alten Rasse wieder aufgetaucht sind.
Das "neue" Weideschwein heißt ja Rückzüchtung, weil man die vermutlichen Ausgangsrassen wieder neu verkreuzt hat mit z.B. Wildschweinen. Aber weder die Ausgangsrassen sind in ihrer ursprünglichen Form erhalten, noch die Wildschweine haben die gleichen Anlagen und Statur wie vor 150 Jahren.

Beim Husumer hat man Tiere gehabt die noch Husumer Blut hatten und es war mehr oder weniger ein Zufallsprodukt, dass diese Rasse noch annähernd vorhanden war, hier hat man einfach durch Selektion wieder die alte Form erreicht und nicht durch Einkreuzen von anderen Rassen, abgesehen von roten Schlägen des Sattelschweines.
Die Möglichkeit, noch versteckte Tiere nach über 30 Jahren ausfindig zu machen ist wohl nicht realistisch.

Im Übrigen gibt es ähnliche Situationen bei sehr vielen alten Rassen, so ist das mit der Erhaltungszucht wenn Herdbücher schon einmal geschlossen waren oder zeitweise nicht geführt wurden. Ich denke da an Glanrinder, Harzer Ziegen, Lippegänse usw usw.
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Echte Husumer ?

Beitrag#7von ranulf » Freitag 31. August 2007, 09:07

Moin, Moin.

Es ist richtig,dass die Husumer zuletzt bis 1968 im Zuchtbuch geführt worden sind. Aber selbst bis dahin sind die Husumer nur in einer sehr geringen Anzahl gezüchtet worden im Vergleich zu den Angelitern Schweinen. Dazu kam, dass häufig bei den Züchtern Gebrauchskreuzungen üblich waren und Zuchttiere nur sehr ungern abgegeben wurden. Meine Familie lebt in der Region Südtondern und hat bis in die 60iger Jahre hinein Kreuzungsschweine der Husumer zur Mast eingesetzt. Mein Vater ist seit Anfang der Siebziger Schweinezüchter und kennt keine Züchter mehr, die sich nach 1968 mit den Husumer beschäftigt hat.

Der Züchter, der die Husumer Schweine Anfang der 80`er auf der Grünen Woche präsentiert hat, konnte nie Nachweisen, woher diese Tiere stammen und auch in den Zuchten im Zoo Berlin und Neumünster ging man da nie näher darauf ein.Dazu kam es aus Baden Würtenberg, wo ja bekanntlich die Schwäbisch-Hällischen sehr verbreitet waren und wieder sind. Eine Kreuzung mit z.B. Duroc erbibt sehr schnell ein Husumer ähnliches Schwein. Da die Erhaltung alter und vom aussterben bedrohter Haustiere populär wurde, war eine Ähnlichkeit vieleicht schon aussreichend.

Die Geschichte hinter den Husumer als "Protestschwein" ist belegt. Mein Opa hat seine Mastferkel bei einem Mitglied der dänischen Minderheit erworben. Mein Vater kannte den Ausdruck aus dem gängigen Wortschatz.

Alleine eine Wiedererzüchtung ist kulturhistorisch spannend und auch die Nähe zu den Angelitern Schweinen ist landwirtschaftlich betrachtet bestimmt wertvoll. Die Husumer haben auf alle Fälle ihre berechtigung.
Als Einheit mit den anderen Sattelschweinen unter "Deutsches Sattelschwein Zuchtrichtung rotbunte Husumer" sind sie eigenlich nicht von der Roten Liste zu verdrängen. Es würde viel Aufmerksamkeit wegfallen und das wäre schade, solange keine stabile Zuchtbasis besteht.
Mir liegen die Husumer sehr am Herzen, obwohl zur Zeit selber keine Schweine halte, aber irgenwann vielleicht?

Gruß Ranulf
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Beitrag#8von Herwig » Freitag 31. August 2007, 09:44

Hallo Ranulf,

du hast sicherlich recht mit dem was du schreibst.
Aber wie gesagt, das Risiko, dass die eine oder andere gefährdete Rasse nicht mehr genetisch rein ist muss man tragen (wollen). Gibt es Nachweise über die Echtheit der gefundenen Lippegänse? Nicht das ich wüsste!
Was das Husumer angeht ist es ja schon zu spät. Es steht nicht mehr auf der Roten Liste der gefährdeten Nutztierrassen.
Ich bin auch völlig konform mit Dir über die Ansicht der Erhaltungswürdigkeit der Husumer. Wie gesagt die Streichung der Tiere von der Liste ist fatal!
Agrobiodiversität bedeutet nicht nur den Erhalt von nachweislich alten Nutztierrassen.

Vielleicht brauchen wir eine "Nischenliste" ??BildBild
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Nutzbarkeit der Haustierrassen

Beitrag#9von ranulf » Freitag 31. August 2007, 12:52

Moin Herwig, Bild

[JUSTIFY]Eine entscheidendene Qualität der Biodiversität ist ja die Anpassungsfähigkeit der unterschiedlichen Rassen. Ich habe auf unserem GEH Stammtisch erfahren, dass es zum Beispiel bei den Heckrindern für Naturschutzflächen einen Run gibt, da mehrere große Industrieunternehmen da eine sinnvolle Investion ins "Image" sehen.

Gerade bei den alten Haustierrassen ist das Image ein wichtiges Verkaufsargument. Wäre das Schwäbisch-Hällische Schwein ein Neuzüchtung gewesen, hätte die Verbreitung vor Ort nicht so schnell und erfolgreich umsetzbar sein können. Dazu kam eine züchterische Anpassung an den Kundengeschmack. Das ist in sofern legitim, solange die Gesundheit und die Fruchtbarkeit der Rasse nicht leidet. Den das sind die Argumente, mit denen man Landwirte überzeugen kann. Wenn der Landwirt zum Erhalt einer Rasse Geld mitnehmen muss, wird er in Krisenzeiten sich schnell davon trennen.

Zum Thema Weideschweine, in dem Museumssteinzeitdorf Düppel, wird versucht mit Unterstützung der Hochschule ein Weideschwein aus der Steinzeit zurück zu züchten. Sie haben bereits eine homogene Zuchtpopulation erreicht. Diese erinnern an Wildschweine, sind aber größer und fruchtbarer. Unter *** Der Link ist nur für Mitglieder sichtbar, zum Login. *** gibt dazu nähere Angaben.

Gerade alte Schweinerassen haben es zur Zeit schwer (neben Geflügel) sich gut zu vermehren. Die Zucht beschränkt sich hauptsächlich auf kleine Hobby und Nebenerwerbsbetriebe, die nur eine geringe Tierzahl halten können. Dazu gestaltet sich die Vermarktung schwierig, da kaum ein Händler Masttiere der reinen Sattelschweine kauft. Der Lastwagen kommt ja erst ab hundert Schweinen. Die Direktvermarktung ist auch nicht einfach, wenn man bedenkt, dass man pro Wurf um die 10 Schweine an den Mann oder Frau zu bekommen hat. Das ist ein Fulltime Job. Gibt es eventuell bei den Bentheimern bestrebungen die Vermarktung in eine Hand zu nehmen, dass würd mich mal interresieren?

Gruß Ranulf[/JUSTIFY]
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Beitrag#10von herzwig » Freitag 31. August 2007, 14:31

Ich habe die Antwort verschoben von Weideschwein nach Vermarktung, weil ich in`s Schwafeln gekommen bin und die Antwort nix mehr mit dem Weideschwein zu tun hat.
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